Was sagt man, wenn jemand gestorben ist?

Veröffentlicht am:15 Mai 2021
By Samira Aikas

Wir alle kennen die Situation: Jemand aus dem Freundeskreis, ein Familienangehöriger oder ein Kollege ist gestorben. Sind wir direkt betroffen, werden uns die vielen Trauersprüche, Floskeln und Phrasen, die auf uns einregnen, eher reizbar machen, als zu helfen. Ist jemand anders betroffen und wir wollen unser Beileid ausdrücken, stehen wir vor dem Dilemma nicht zu wissen, was gesagt oder geschrieben werden kann, um angemessen zu reagieren und bestenfalls etwas Trost zu spenden. Im schlimmsten Fall sind wir verunsichert und überlegen so lange, bis wir uns am Ende gar nicht melden, was der Beziehung zu dem Trauernden genauso einen irreparablen Schaden zufügen kann, wie der schlimmste Kommentar.

Aber was sagt und schreibt man denn nun bei einem Sterbefall? Ich bin keine Psychologin, keine Psychotherapeutin und auch sonst nicht zur Trauerbewältigung geschult, aber ich habe schon zu viele Beerdigungen erlebt und möchte Euch helfen, weniger hilflos dazustehen, wenn Ihr Euer Beileid ausdrücken möchtet.

Top 3 der No-go-Sprüche im Trauerfall

Eine gute Freundin hat der Familie eines Bekannten, der plötzlich starb, eine Beileidskarte geschrieben und aus Platzmangel am Ende die Floskel „LOL“ – also die Abkürzung von „laughing out loud“ – in die Ecke gequetscht, weil sie dachte, es würde „lots of love“ bedeuten. Tut Euch also den Gefallen: Benutzt keine Abkürzungen! Besser ist es, wenn Ihr Euch einfach wirklich kurz fasst und dafür die richtigen Worte wählt. Hier sind die Trauerspruch-Todsünden:

1. „Es sollte so sein!“, alternativ: „Es war Gottes Wille!“

Damit zieht Ihr all die noch unkanalisierte, ohnmächtige Wut auf Euch. Wieso sollte es so sein, dass ichmeine Eltern verlor? Wieso sollte es so sein, dass mein Bruder starb? Glaub mir: Ihr wollt diese Furie nicht wecken. Lasst den dummen Spruch lieber stecken – ich kann mir nicht vorstellen, dass er jemals jemandem Trost spendete. Ebenso fehl am Platz sind alle religiösen Phrasen – überlasst das dem Priester.

2. „Wie geht es Dir/Ihnen?“

Wie wird es dem Trauernden schon gehen? Schrecklich! Und nach dieser Frage wird Euch erst Unverständnis, gefolgt von Frustration aus dem Gesicht des Trauernden entgegenblicken.

3. „Alles wird wieder gut!“

Nein, wird es nicht wirklich. Ja, es ist wahr, dass der Verlust irgendwann nicht mehr omnipräsent ist und weniger schmerzt. Aber das ist für den Trauernden gerade völlig unvorstellbar und macht ihn eher wütend. Wie kann sein Leben schon wieder gut werden, wenn ein wichtiger Mensch für immer fehlen wird?

Top 5 der Dinge, die Ihr im Trauerfall sagen könnt

Nun verrate ich Euch, was mir und vielen anderen, die geliebte Menschen verloren haben, wirklich geholfen hat. Zunächst solltet Ihr wissen, dass die Zeit unmittelbar nach dem Verlust zwei Seiten hat – sie ist ein labyrinthartiges Gebilde, das völlig diffus und kaum greifbar ist, und gleichzeitig etwas, was partiell für immer im Gedächtnis verankert sein wird und scharf in Dolby-Surround, 3D-UHD immer wieder hochkommt.

Frag mal ein paar Jahre später, wer alles auf der Beerdigung war. Das gehört zu den Dingen, die man vergisst. Der Redner, der unpersönlich ist, der Organist, der sich ständig verspielt hat, der Freund, der einen der No-go-Sprüche brachte, und der, der nicht kam, bleiben verankert, egal wie gerne man es vergessen würde. Aber auch die Freunde, die mit den richtigen Worten Trost spendeten und die, die für einen da waren, bleiben immer im Gedächtnis. Alle anderen versinken im diffusen Dunst des Vergessens.

Aber was sagt und schreibt man denn nun bei einem Sterbefall? Mit den folgenden fünf Beileidsbekundungen könnt Ihr nicht viel falsch machen und klingt nicht, als hättet Ihr die Sätze aus einem Trauerspruch-Generator oder einer Trauerkarte übernommen. Richtig gemacht, könnt ihr damit Eure echten Gefühle ausdrücken und so dem Trauerenden wirklich etwas Trost spenden.

1. „Ich bin für Dich/Sie da“

Nichts braucht ein Trauernder mehr als Nähe. Je nachdem, wie eng Eure Beziehung zu ihm ist, kann alleine Eure bloße Gegenwart eine große Hilfe sein. Versucht, für ihn einen kühlen Kopf zu behalten und nehmt ihm Teile der nun folgenden Organisation ab. Beerdigungen sind Verwaltungsakte, Kinder wollen betreut werden, der Kühlschrank muss aufgefüllt sein, die Wäsche muss gewaschen werden … Das sind alles Dinge, an die der Trauernde nicht mal denken möchte. Passt nur auf, dass Eure Hilfe nicht zur Belastung für den Trauernden wird, indem Ihr ihn zu viel mit Fragen oder Vorschlägen löchert. Nehmt Euch am besten ein, zwei andere Freunde zur Seite und teile die Arbeit auf. Und bietet nur dann Hilfe an, wenn Ihr auch bereit seid, diese zu leisten.

2. „Das ist so unfair!“, alternativ: „So ein verdammter Mist!“

Jeder Tod ist für Angehörige unfair, besonders, wenn der Tote unterhalb seiner natürlichen Lebenserwartung stirbt, die in Deutschland für Frauen etwa 84 und für Männer 79 Jahre beträgt (Quelle: Statista.de). Auch wenn Krankheiten für den Verstorbenen natürlich schlimmer sind, als ein plötzlicher schmerzfreier Tod, kann dies von Angehörigen genau andersherum empfunden werden, da ihnen keine Zeit blieb, sich auf den Tod des geliebten Menschen vorzubereiten. Unfair ist der Tod immer.

Ihr wundert Euch, dass ich hier zum Fluchen rate? Wenn der Trauernde ein enger Freund ist, ist das völlig okay. Wie anders kann man ehrlicher sein Mitleid, das Unverständnis der Situation und die eigene Trauer ausdrücken? Das muss jetzt nicht Eure Wortwahl sein, aber alles geht, was Eure Gefühle ehrlich ausdrückt. Die Betonung liegt auf ehrlich! Überlegt, was Ihr gerade fühlt und sagt es mit Euren eigenen Worten. Das ist direkt und ganz Ihr selbst – so etwas braucht der Trauernde, und keine Gedenkkartensprüche. Besonders, wenn Ihr eigentlich ausdrücken wollt, dass Ihr traurig seid, weil Eurer Freund einen Verlust erlitten hat, ist das die beste Wahl. Geschwafel über den Toten, den Ihr unter Umständen nicht oder nur wenig kanntet, hilft nicht und wirkt auch nicht ehrlich.

3. „Ich kann mir kaum vorstellen, wie hart das für Dich/Sie sein muss“

Auch wenn Ihr selbst schon liebe Menschen verloren habt, wisst Ihr nicht wirklich, wie sich die andere Person gerade fühlt. Jeder trauert anders und jeder Tod ist anders. Selbst wenn Ihr in jungen Jahren ebenfalls Eure Mutter verloren habt und gerade sehr gut nachvollziehen könnt, wie sich der Schmerz der Trauer anfühlt, vergleicht ihn nicht. Das ist kein Wettbewerb. Bietet lieber an, dass der Trauernde mit Euch reden kann. Versucht ihn nicht zusätzlich mit Eurer alten Trauer zu belasten, sondern zeigt nur Euer Verständnis.

4. „Versuche die schönen Momente für immer festzuhalten“, alternativ „Ich bin froh, ihn/sie kennengelernt zu haben“

Wenn Ihr den Verstorbenen selber kanntet, versucht dem Trauernden gemeinsame Erinnerungen ins Gedächtnis zu rufen – schöne, skurrile, lustige wie auch nicht so schöne. Alles, was den Blick vom Verlust weg und auf die gemeinsam verbrachte Zeit hin lenkt, ist hilfreich. Wartet damit aber, bis der erste Schock überwunden ist, denn in der ersten Zeit hat der Trauernde keinen Kopf für solche Sachen. Schaut nach ungefähr einer Woche mit einem Heißgetränk (möglichst kein Alkohol!) vorbei und schwelgt gemeinsam ein wenig in Erinnerungen. Erschlagt den Trauernden dabei aber nicht: Kleine Portionen sind viel leichter zu verarbeiten. Wichtig ist nur, den Blick weg vom Tod, hin zum Leben zu lenken, das Ihr mit dem Toten geteilt habt.

Wenn Ihr den Verstorbenen nicht selbst kanntet, hört einfach zu und lasst Euch Anekdoten erzählen, hakt nach und lasst den Trauernden so lange reden, bis sein Blick in der gemeinsamen Vergangenheit mit dem Verstorbenen und nicht mehr in der harten Gegenwart ruht. Und hört mit einer schönen Geschichte auf, bevor Ihr Euch verabschiedet.

„Wenigstens muss er/sie nicht mehr leiden“

Diese Feststellung ist grenzwertig, weil dies nichts ist, an was der Trauernde in dem Moment denken will. Auch ist die Aussage sehr abgedroschen, weil sie zu den meistverwendeten Aussprüchen auf einer Beerdigung zählt, aber dennoch schafft er es in meine Top 5 der Trauerbekundungen, weil es ja stimmt, falls der Tod auf eine Erkrankung zurückgeht. Bitte verwendet diesen Spruch ausschließlich im Fall eines vorangegangenen Leidens! Betont aber auch, was für ein schönes Leben die/der Tote vor der Krankheit hatte (allerdings nur, wenn das so stimmt), denn sonst weckt Ihr nur negative Assoziationen. Und lasst diese Aussage nicht alleine stehen, sondern kombiniert sie mit einem der vorangegangenen Vorschläge.

Beileidsbekundungen: Seid Ihr selbst!

Alle No-go-Trauersprüche haben eins gemeinsam: sie klingen auswendig gelernt, phrasenhaft oder beziehen sich auf generalisierte religiöse Aussprüche. Was mir und anderen in der Trauer wirklich hilft, sind die Texte und Worte, die zu der jeweiligen Person passen und bei denen man spürte, dass sie wirklich von Herzen kommen. Wenn Ihr Euch das nicht zutraut und auf einen meiner Top-5-Vorschläge zurückgreifen wollt, macht Ihr auch nichts falsch und bleibt nicht negativ im Gedächtnis des Trauernden. Bleibt immer nah bei Euch selbst und horcht in Euch hinein. Seid Ihr traurig, weil die Person gestorben ist oder weil Eurer Freund deswegen leidet? Drückt genau das mit den eigenen Worten aus und seid einfach für sie/ihn da.

Samira Aikas

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